Island 92

Mit dem Fahrrad durch Feuer und Eis – 1400 km durch Island (1992)

Bilder folgen noch …

Zuerst 3 Bemerkungen zum Fahradfahren in Island:

1. Kein Isländer fãhrt Fahrrad

2. Die Isländer sind vernunftige Leute

3. Es lohnt sich trotzdem

Was bringt einem auf die Idee, drei der kostbaren fünf Urlaubswochen in Island zu verbringen, wenn doch das Bike – Revier Alpen vor der Haustur liegt?

Bei Stoffl und mir war es eine Alpenüberquerung, allerdings nicht von Garrnisch zum Gardasee sondern von Wien nach Nizza. Bei 38 °C im Schatten sitzen wir irgendwo in Sudfrankreich vor einem Bier und philosophieren uber Freundinnen und Fahrradtouren, wobel die ersteren heißer und die letzteren kühler sein soilten…

2 Jahre später ist es soweit, zumindest was den zweiten Punkt betrifft, wir haben das Flugticket in der Hand und das Ziel heißt Island. Peter ein hervorragender Hohlenforscher und Fahrradfahrer ist der dritte im Bunde.

Was erwartet man sich als Fahrradfahrer von Island? Einsame Schotterstraßen, viel Natur…. und vielleicht das Abenteuer, das man im Wienerwald nicht erlebt (ausgenommen sind naturlich Erlebnisse mit Förstern und Jagdaufsehern).

Und was bringt Island? Viel Natur, teilweise stark befahrene Schotterstraßen und vor allem viel Wind, der die Islander wohl vom Fahrradfahren abschreckt….. 

Doch beginnen wir am Anfang und am besten bei Island selbst:

Island ist bekanntlich eine Insel im Nordatlantik, nicht allzu groß und nicht allzu weit vom Stammlokal entfernt, dünn besiedelt und alle 2 Jahre wegen eines Vulkanausbruchs im Fernsehen, somit ein ideales Reiseland fur kleine Abenteurer denen der Mut fur den Karakorum – Highway fehlt. Außerdem gibt es dort einige große Gletschergebiete, die sogar Tiroler erstaunen, und so hat man weniger Schwierigkeiten bei der Routenwahl, entweder man fährt rund um die Insel herum oder zwischen den Gletschern durch. Ganz vergessen habe ich die vielen Naturschönheiten und die warmen Quellen, die es einem ermöglichen sich einmal in der Woche zu waschen. Zur Abwechslung gibt es noch dazu da und dort eine kleine oder größere Furt, also was steht einer Tour mit dern Mountainbike noch im Weg?

Die Landung im wolkenverhangenen Keflavik ist problemlos, die ersten Meter mit den hoffnungslos uberladenen Bikes leider nicht, und so gewöhnen wir uns an der einsamen Sudküste erst einmal an den Regen und dann sehr, sehr langsam an das etwas eigenartige Fahrverhalten unserer Fahrräder. Bereits bei der Urlaubsplanung ist uns aufgefallen, dafi eine Fahrradtour in den sonnigen Süden weniger Aufwand, und vor allem weniger Gepäck mit sich bringt. Unsere Route führt uns zuerst entlang der Kuste, aber gleich anschließend wollen wir uns ins noch einsamere Hochland wagen, und so schleppen wir neben einer kompletten Campingausrüstung, jede Menge warme Kleidung, Ersatzteile und anderen Kleinigkeiten wie die Verpflegung fur 8 Tage mit uns mit. 

Doch zuerst mussen wir durchs Reich der Bustouristen und Tagesausflügler, die Island von Reykjavik aus entdecken. Der rege Wochenendverkehr zerstört uns die Illusion des einsamen, fast autoleeren Islands. Der See Laugarvatn (mit Islands einzigem Badestrand ! ), das Geysirfeld mit dem großen Geysir und dem viel aktiveren, aber etwas kleinerem Strokkur sowie der Gulifoss, einer der vielen wunderschönen Wasserfälle Islands, lockern die Fahrt etwas auf, und entschädigen uns fur den Gegenwind, der uns seit Tagen konstant und noch dazu sehr kräftig ins Gesicht bläst.

 

 

Durch die Schotterwüste Kjolur fuhrt unsere erste Hochlandüberquerung, jetzt erleben wir Island das erste Ma! hautnah: durch ein großartiges Panorama, das durch zwei große Gletschergebiete geprägt wird schlangelt sich eine schmale Schotter- und Sandstraße, der Wind treibt uns den Sand ins Gesicht und die Arme schmerzen von den vielen Schlägen. Die Scliaglöcher und Felsbrocken lassen sich mit dem Fahrrad problemlos umfahren, aber die Wellblechpiste behindert em zügiges Vorwartskommen. Ein harter Test fur Mensch und noch mehr fur unser Material beginnt und wir haben Zeit uber Vor- und Nachteile (welche Nachteile?) von Federbikes zu philosophieren.

Nach einem enspannendem Bad in Hveravellir, wo man bei frostigen Außentemperaturen in einem warmen Tümpel sitzt und sich wie Gott in Fankreich fühlt, erkunden wir das vielleicht schönste Solfatarengebiet Islands. Ohne durch Absperrungen und Zaune behindert zu sein, geht man durch einzigartige Sinterterassen und beobachtet kochende Schlammpfuhle.


Gegen möglicherweise auftretendes Heimweh, haben wir uns ein kleines Kurzwellenradio mitgenommen, um auch in Island zu hören, was Wiens Bürgermeister vom steirischen Kernöl hält. Da wir keinen islandischen Sender empfangen können, begnügen wir uns mit dem österreichischen Wetterbericht. Wahrend sich auf den Zelten langsam eine dünne Eiskruste bildet, erfahren wir, daß sich an der Hitzewelle in den nächsten Tagen nichts ändern wird. Temperaturen bis 37 Grad werden erwartet, bei uns allerdings nur im Schlafsack.

 

Das Furten in Island ist ein Thema fur sich, entweder stellen die brückenlosen Flußübergänge ein lästiges Hindernis oder eine lohnende Herausforderung dar. Unsere vorsorglich mitgenommene Reepschnur konnen wir in den Packtaschen lassen und mit großer Begeisterung stürzen wir uns in die eisigen Fluten, um dann festzustellen, daß leider doch nicht jede Furt fahrbar ist. Bis zu den Oberschenkel im Wasser schieben wir die Fahrräder ans trockene Ufer.

 

Die Ringstraße, Islands Straße Nummer 1, umrundet die Insel und bringt uns wieder in die Zivilisation, was in Island naturlich alles relativ ist.  Unser nächstes Ziel ist der Myvatn (deut. Mückensee), einer der bekanntesten und schönsten Seen Islands, der mitten in ein vulkanisch aktives Gebiet eingebettet ist. Der viele Regen, der die Schotterstraßen in aufgeweichte Schlammpisten verwandelt, zwingt uns unsere Pläne zu ändern, die zweite Hochlanddurchquerung wird uns nur durch die Sprengisandur fuhren.


Jetzt fordern die vielen Schotterstraßen langsam ihren Tribut. Die Islander sind als sehr abergläubisches Volk bekannt, wir wissen inzwischen auch wieso: der 13. Reisetag wird ein Tag der Pannen. Der größte Verlust betrifft die sorgsam gehütete Bierdose, die leider leck wird, der Rest ist fast Routinetätigkeit Wir ziehen einen neuen Mantel auf, bohren mit einem Dosenoffner em großeres Loch fur das Ventil in die Felge, damit der Ersatzschlauch paßt, verstärken einen Gepäckstrager und erreichen beim Austauschen von Speichen ungeahnte Fertigkeiten. Bei Peter kündigt ein Knacksen aus dem Tretlager eine großere Reparatur an, die wir allerdings lieber in Wien als im Regen durchführen möchten. Vorausgeschickt, wir haben Gluck: erst am letztem Tag versagt das Wunderwerk japanischer Ingenieurskunst den Dienst, wobei wir beweisen konnten, daß durch Handauflegen, gutes Zureden und etwas Fluchen ein Tretlager auch ohne Kugeln zu bewegen ist. Den Abschluß des so erfolgreichen Tages bildet eine Kocherreinigung – der viele feine Sand macht leider vor nichts halt.
Der vierte Tag in der Sprengisandur bringt uns zuruck ins Grüne und endlich läßt auch der Regen nach.

Wir gonnen uns allerdings keinen Ruhetag und wieder fuhrt uns eine Sandpiste ins Hochland zuruck: das Gebiet um Landmannalaugar wird der nächste Höhepunkt

unserer Reise werden. Die bunten Berge und warmen Quellen ziehen uns in ihren Bann. Die nächsten Kilometer bringen vielleicht die schonsten Stunden in Island, einen Vormittag lang scheint die Sonne, der Wind hat sich gelegt und die Stra8e folgt abwechslungsreich einem Fluß, eine Furt folgt auf die andere. Wir haben uns fur die Furten Gummistiefel mitgenommen, die sich jetzt großartig bewähren. Unsere Füße bleiben trocken, oder besser gesagt das Wasser, das wir doch hie und da schöpfen, ist zumindest angenehm in kurzer Zeit warm. Doch der Traum ist nur kurz, bei der Abfahrt zur Eruptionsspalte Eldgj strömt schon wieder der Regen.

Die außerst schmale Naturbrücke uber den Oerufoss, einen der sagenumwobensten Wasserfalle Islands, führt angeblich in die Unterwelt. Wenn man über die Brücke balanciert und durch die Gischt auf den Wasserfall und in die Tiefe schaut, glaubt man den lsländern schon eher. Nur wer war schon mit dem Fahrrad dort? Der Trail in 20 Meter Höhe gelingt, sonst könnte ich ja nicht diese Zeilen schreiben. Sicherheitshalber fahre ich die Strecke gleich wieder zurück, um nicht in der Unterwelt zu bleiben. Einen der isländischen Götter dürften wir aber doch beleidigt haben, denn in den restlichen Kilometern wird uns der Gegenwind noch mehr zu schaffen machen.

Nach ca.100 km erreichen wir wieder die Ringstraße und plündern beinahe den Supermarkt in Vik. Entlang der Südküste geht es an zwei wunderschönen Wasserfällen wieder zuruck nach Reykjavik, wo uns im nahen Keflavik das Flugzeug in die Heimat, das Land der weißen Spritzer und großen Bier, erwartet.

Und was blieb von den großen Illusionen? Beginnen wir gleich beim Wetter. Mit Island ist es vielleicht wie mit Patagonien: jeder hofft auf den Jahrhundertsommer und wenig Auserwählte erleben ihn, wir leider nicht.. Auch wenn überall die Sonne scheint, meistens schwebt genau über einen müden Fahrradfahrer eine dicke schwarze Regenwolke und entledigt sich ihrer feuchten Fracht. Regnet es einmal nicht, weht sicher em extrem kalter Nordwind, der wenn man Richtung Westen fährt, auf einmal Richtung dreht, frei nach der alten Fahrradfahrerregel: Es geht immer aufwärts und gegen den Wind. Und für ganz besonders schlechte Tage bleibt dann noch die Kombination von Regen und Wind.

Asphaltstraßen findet man in Island nur auf der Straße Nr. 1, der Ringstraße, die wie der Name sagt, rund urn die Insel führt.  Diese ist jedoch auf weiten Strecken .noch geschottert und auf Grund des starken Verkehrs meistens in einem erbärmichen Zustand. Besonders abenteuerlich werden die Straßenverhältnisse im Hochland, wo auch die meisten Brücken fehlen. Dazu kornmt noch, daß die Islander anscheinend direkt vom Islandpony auf Gelandewagen umgestiegen sind und daher wenig Verständnis und leider auch Rücksichtnahme fur Fahrradfahrer entwickeln.

So schön auch ein grober Schotterweg bei uns sein kann, mit dem vielen Gepäck wird es ein bischen mühsam. Es ist uns nicht einmal passiert, dass uns der böige Wind in einer Steigung einfach umgeworfen hat. In den wenigen Sekunden vor der Landung träumt man dann noch schnell den Traum vorn SPD-Pedal, bevor man dann hart erwacht.


Zu unserereAusrüstung: Ungetahr drei Kilo hätten wir uns pro Person und Nase ersparen können, und trotzdem waren wir mit ungefähr dreißig Kilogramm unterwegs. Zugegebenermaßen waren davon ein nicht unwesentlicher Teil Lebensmittel und lebenswichtige Dinge wie eine Schnapsflasche. Und wer mitten im Hochland Topfenpalatschinken backt, kommt auch nicht auf die Idee von Reisegruppen zu schnorren, nur weil er sein Müsli weder sehen noch essen will. Stoffl – Künstler, Mediziner und Konditionstier – war noch zusatzhich mit zwei Kilo Aquarellmalsachen bepackt, um seine Eindrucke nicht nur mit dem Photoapparat festhalten zu konnen. Nicht gebraucht haben wir den Notarztkoffer, umso häufiger mußten wir in der Werkzeugkiste wuhlen, um unsere angeschlagenen Bikes uber die Runden zu bringen. Die Bikehersteller testen anscheinend leider nicht in Island, wir wären auf alle Falle geeignete Testpiloten! (Suche Sponsor und Federgabel ! )

Abschließend möchte ich mit einer alten islandisehe Weisheit: Nach Island fährt man nur einmal, oder immer wieder, und ich sehe mich schon wieder irn Zelt liegen, draußen drückt der Sturm den Regen an die Plane, zum nachsten Geschäft sind es noch 300 Kilometer und trotzdern leuchten die Augen.

 

Ausrüstungsliste Island 1992:

Campingausrüstung:

Zelt, 6 lange Ersatzheringe, 2 Sandheringe (30 cm)

Schlafsack(Daune)

Kocher (Whisper – lite Benzinkocher), MSR – Flasche 11

3 Töpfe, 1 Pfanne, 2 Griffe

Eßbesteck

Trinkgefaß

Tee – Ei, Plastikdose für Tee

Radlberger-, Cola- Flaschen

Sigg Aluflasche (für Rum, Benzin)

Feuerzeug

Bekleidung:

2 Garnituren Thcrmounterwäsche

2 Faserpelzjacken (Luxus)

Faserpelzhose

kurze Radhose

Berghose

dünne Goretex Jacke und Hose

dicke Goretexjacke

Fleece- Haube und Handschuhe

Nylon Überhandschuhe

Schildkappe

2 Paar dünne Socken (vgl Thermounterwäsche)

1 Paar Treking – Socken

Fahrradschuhe

Gummistiefel

Regengamaschen

Reperaturausrüstung:

Ersatzschlauch

Ersatzmantel (faltbar)

ca. 10 – 15 Ersatzschrauben, Muttern, Sprengringe (auf Fahrrad bzw. Gepacksträger abgestimmt)

Kurbelabzieher mit Nuß

Imbusschlüssel, Kreuz- und Schlitzschraubenzieher

Gabelschlüssel SW 7, 8, 9, 10, 14, 15

Bolzendrücker, Ersatzglieder für Kette

Schlüssel für Lagerschalen (13, 14, 15, 16)

Kombizange

Flickzeug

Luftpumpe

Schmiermittel

2 Bremsbacken

Brems und Schaltzuge, Bowdenzug

Ersatzschellen für Gepacksträgerbefestigung

Schlauchklemmen (2 große, 4 kleine)

 

Diverses:

Fotoausrustung

kleines UKW-, KW- Radio

Heilsalbe, Fettcreme, Mobilat

WC – Papier

Müllsäcke, Plastiksäcke

Reiseführer

Karte (1: 500000, 1: 750000)

Zahnbürste, Handtuch

Gletscherbrille

Lebensmittel: (1 Woche, 1 Person)

1 kg Müsli

250 g Milchpulver

700 g Schokolade

250 g Rosinen

500 g Butter

50 g Tee

1 kg Nudeln

1 kg Tortelini

7 Päckchen Suppe

2 kg Brot

Speck bzw. Salami

4 Fischdosen

1 kg Marmelade

 

Eiserne Reserve: Stockfisch

Suppenwürfel